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Marc Levy – Wo bist Du?

Als Kind war mein Plan, jedes Jahr um die Welt zu reisen, wurzellos zu sein, ohne irgendjemandem gegenüber Rechenschaft schuldig zu sein, zu tun und zu machen was mir gerade in den Sinn kommt. Wie so oft kam es anders im Leben. Heute ist das Verreisen für mich eher ein Stressfaktor. Was soll ich nur einpacken? Wann geht der Flieger? Wird die Unterkunft so sein, wie es im Prospekt / Internet angegeben wurde? Für mich gibt es daher nichts Schöneres als meine Familie, mein Heim, mein geregeltes Leben sowie meinen klassischen Bürojob.

Genau diese zwei Welten prallen auch in Levy´s Buch aufeinander!

Auf der einen Seite erleben wir den bodenständigen Phillip, der von einem klassischen Leben mit einer Karriere in einer New Yorker Werbeagentur, einem schicken Heim und einer Familie träumt.

Auf der anderen Seite erleben wir die wurzellose Susan, die sich entscheidet 2 Jahre mit dem Peace Corps nach Honduras zu gehen, um dort den Menschen zu helfen. Wäre beides für sich gesehen, gar kein Problem, wenn nicht gerade diese zwei Personen sich mit diesen grundverschiedenen Lebensvorstellungen in einer Beziehung miteinander verbunden hätten.

Der erste Teil des Buches ist lediglich der Briefwechsel zwischen Phillip und Susan, in denen sie dem anderen ihre jeweilige Situation erzählen ohne dabei viel von ihrem wahren Inneren preis zu geben.

Lange habe ich darüber nachgedacht, ob das ein Vorteil oder Nachteil des Buches ist und bin noch immer nicht zu einer klaren Entscheidung gekommen. Auf der einen Seite fehlt mir genau dieses Merkmal, das Bücher so besonders macht – nämlich in das innere Gefühlsleben der Protagonisten einzutauchen.

Auf der anderen Seite, erlaubt es einem damit in sich selbst hineinzuhören. Wie würde ich an Phillips Stelle denken? Was fühlen? Wie an Susans Position? Auffällig dabei ist, dass man für beide Standpunkte Freud und Leid gleichzeitig empfindet. Einzeln betrachtet führt jeder das für ihn „richtige“ Leben und doch, betrachtet man die zwei als Einheit, ist man enttäuscht, dass alles auf ein „Entweder / oder“ für den einzelnen hinausläuft. Liebe scheint wohl doch nicht alle Grenzen überwinden zu können. Ein „Gemeinsam“ scheint ausgeschlossen, da Susan ihre Zeit in Honduras auch Jahr um Jahr verlängert, eine Rückkehr in die Heimat damit immer aussichtloser wird.

Dies wird auch Phillip klar! Er fängt sein Leben neu zu planen an – ohne Susan einzubeziehen. Er heiratet und führt ein traditionelles Leben mit seiner Frau wozu auch bald ein eigenes Kind gehört. Alles scheint gut bis es irgendwann an der Tür klingelt. Bei dem jungen Mädchen davor handelt es sich um niemand geringeren als Susans – durch deren Tod – verwaiste Tochter. Susans letzter Wille ist, dass Phillip sich um sie kümmert.

Mittlerweile hat der Modus in den Erzählstil gewechselt, doch auch hier beschreibt Levy lediglich den Ablauf der Geschehnisse. Nie erhält man einen wirklichen Einblick in die Psyche und doch beschreibt er es so, dass man verstehen kann, was der jeweilige Charakter durchmacht:

Phillip, der mit dem Tod Susans nun ihre Tochter aufnimmt und ihr damit näher ist, als die ganzen Jahre zuvor, in denen er sich nach ihr gesehnt hat.

Der kleine Sohn, der plötzlich eine große Schwester bekommt.

Und letztendlich natürlich Phillips Frau, die nun ihre stärkste Konkurrentin in persona derer Tochter direkt vor die Nase gesetzt bekommen hat und für diese auch noch eine gute Mutter sein soll.

„Wo bist du“ zieht einen tief hinab in die Psyche und die Gefühlswelt von  verschiedenen Menschen, ohne auch nur irgendetwas von deren Emotionen zu verraten. Es ist ein unglaublich schöner Roman, der jede Zeile wert ist.

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