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Marge Piercy – Stufen aus Glas

So eine Situation hat wahrscheinlich jeder schon mal miterleben müssen: zwei einem sehr eng vertraute Personen fangen an sich zu streiten und man selbst steht hilflos zwischen den Stühlen. Man möchte schlichten! Man möchte verstehen, was die Streithähne plötzlich dazu bringt, aufeinander los zu gehen. Also hört man sich zuerst die eine Seite an und denkt: „Oh je! Ja, da kann ich verstehen warum derjenige enttäuscht, traurig oder sauer ist.“ Nun wendet man sich auch an die „Gegenseite“ und versucht zu vermitteln. Das was man von dieser Seite jedoch erzählt bekommt, klingt ebenso nachvollziehbar und wieder denkt man: „Oh je! Ja, da kann ich verstehen, warum DERJENIGE widerum sauer, wütend oder enttäuscht ist.“

Es ist das altbekannte Prinzip, das jede Medaille zwei Seiten hat. Immerhin sind wir alle Menschen mit Gefühlen, Launen und Emotionen. Etwas, was einem jahrelang zwar aufgefallen ist, aber nicht weiter gestört hat, wird plötzlich der Auslöser dafür, dass ein vielleicht momentan ohnehin angespanntes Verhältnis zweier Menschen im Streit eskaliert.

Auf diesem Prinzip basiert Marge Piercys unglaublich feinfühliges Buch „Stufen aus Glas“.

Suzanne Blum hat sich nach ihrer Scheidung ein neues Leben aufgebaut. Sie ist organisiert, glücklich und trifft sich seit neuestem auch wieder mit einem Mann. Alles ist perfekt. Doch plötzlich steht ihre Tochter vor der Tür. Sie hat ihre Arbeit verloren und möchte wieder im Hotel Mama einziehen, da sie sich folglich auch ihre Wohnung nicht mehr leisten kann.

Gleichzeitig erleidet ihre Mutter – eine aktive, unternehmenslustige Seniorin – zwei Schlaganfälle und wird zum Pflegefall. Suzanne holt sie zu sich, um sie entsprechend betreuen zu können.

Das Leben aller drei Frauen wird plötzlich umgekrempelt und mehr noch – sie sind aneinander gebunden: drei verschiedene Lebensphilosophien, drei grundverschiedene Typen. Kein Wunder, dass es in dieser unfreiwilligen Wohngemeinschaft sehr bald zu Streitereien kommt.

Alle Drei wollen ihr altes Leben zurück. Jede fühlt sich von den Anderen missverstanden, zu wenig respektiert oder bevormundet.

Marge Piercy schafft es, den Leser aus jeder Perspektive in die Gefühlswelt der jeweiligen Protagonistin hinein zu versetzen. Man ist in einem absoluten Gefühls-auf-und-ab, da man immer wieder denkt: „Ja, das würde mich auch ärgern!“. Es ist phantastisch, wie einen das Buch erkennen lässt: Emotionen sind nichts Objektives, nicht Absolutes!

Ich denke oft an dieses Buch und zitiere es ebenso häufig. Man erkennt, dass wir im gegenseitigen Miteinander mit viel mehr Verständnis und Respekt aufeinander zugehen sollten, da jede Perspektive ihre Berechtigung hat. Auch wenn wir manchmal nicht verstehen oder nachvollziehen können, wieso jemand nun so reagiert, hilft es zu sagen: „Er wird seine Gründe haben und ob ich sie nun verstehe oder nicht.“

Was ist denn schwieriger: einmal kurz: „Tut mir leid“ oder „Ich versuche es zu ändern“ zu sagen oder sich jahrelang zu streiten und eine vielleicht wunderbare Beziehung so einfach über den Haufen zu werfen?

1 Kommentar

  1. Katl
    Katl 4. Oktober 2011

    Genau sowas hab ich grade gesucht. Das hol ich mir…:-)

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