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Martin Suter – Der letzte Weynfeldt (Gastautor: Johann Schupp)

Es war ein Mitbringsel ins Krankenhaus. Man kennt das: „oh, danke, das ist aber lieb“ … und steckt die liebevoll eingebundene und mit Schleifchen versehene Unterhaltungslektüre in die Schublade des Nachtkästchens. Erst beim Verlassen der Klinik fiel es mir auf dem Weg in den Koffer wieder in die Hände, der hauptsächlich von einem eigenen Dinkelkissen gefüllt war, weil die Kissen in Gästeunterkünften immer so entsetzlich unbequem sind. In der Reha war dann so viel übrige Zeit, dass – nachdem alles sonst Lesbare abgearbeitet war – der Blick auf dieses 300-Seiten-Büchlein fiel. Vielleicht lag es an meiner mittlerweile 3-wöchigen Abwesenheit von zu Hause, dass mir das Titelbild der auf einem Bett sitzenden nackten Frau mit der Form einer Rubensfigur sogar einen längeren Blick wert war…

Damit habe ich aber offensichtlich genau die Absicht des Autors und des Verlegers erfüllt und bin gleichzeitig in die hauptsächliche Thematik des Buches geglitten. Es handelt sich nämlich um das Werk des französischen Malers Félix Vallotton aus dem 19. Jahrhundert und in Fachkreisen von hoch geschätztem Wert. Zu Adrian Weynfeldt, einem international agierenden und wohlhabenden Kunst-Auktionator gut bürgerlicher Herkunft, letzter Spross einer alteingesessenen Familie, kommt ein alter Freund, der sich aufgrund finanzieller Bedrängnis schweren Herzens entschlossen, sich von seinem wertvollsten Besitz zu trennen – eben diesem Bild. Natürlich will er helfen, erkennt aber mit Erstaunen und professionellem Scharfblick, dass sein Freund versucht zu haben scheint, ihm eine Kopie anzudrehen. Es war nur ein winziger Punkt, der ihm das verraten hat…

Er reagiert unaufgeregt diskret und verlangt schlicht die Nachlieferung des Originals.

Nach diesem souveränen Prinzip verfährt er in allen in dem Buch geschilderten Lebenslagen, so unterschiedlich sie auch sein mögen. Eine gewisse Pikanterie erhält die Geschichte, als er die Bekanntschaft einer Frau macht, die ihm in Stand und Bildung nicht gerade ebenbürtig ist, aber gelernt hat, sich auf irgendeine Art durchs Leben zu schlagen.  Fast hat man das Gefühl von Reizüberflutung, wenn durch das aus verschiedenen Stilepochen möblierte, herrschaftliche Anwesen durch so viel erotische Ausstrahlung durchlüftet wird. Der geordnete, nach festgelegten Regeln ablaufende Lebensrhythmus des Hausherrn droht durch das Spannungsverhältnis mit der Welt der jungen Dame, die ihm außer ihrem Vornamen Lorena nichts weiter verrät, in eine Schieflage zu geraten.

Man fragt sich nun anfänglich, wie denn die Lovestory und das erwähnte Bild zusammenhängen oder zusammen geführt werden. Fast hat man schon vergessen, auf die Antwort zu warten, bis die Geschichte plötzlich an Dynamik gewinnt, dass das letzte Drittel nur unterbrochen wird, wenn die Augen schlicht den Dienst versagen. So viel kann aber verraten werden, ohne die Lust am Lesen zu mindern: Frau und Bild stellen ihn vor eine – auch vom Leser – unerwartete Entscheidungssituation.

Es bereitet in Suters „Der letzte Weynfeldt“ großes Vergnügen zu verfolgen, ob und auf welche Weise die Stellschrauben so gestellt werden, dass dieser bleibt, was er war: ein Grandseigneur – Gönnt Euch, es herauszufinden. Ein Kinobesuch kostet so viel wie das Buch, beim Lesen aber hat Eure Fantasie die Spielführung und kein Regisseur oder Darsteller kann Euch enttäuschen.

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