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Minette Walters – Schlangenlinien

Kennt Ihr das? Ihr habt mit jemandem gestritten und wollt nun nichts anderes, als durch ein Gespräch die schlechte Stimmung wieder aufhellen. Doch bei der Aufklärungsarbeit, wie es zu dem vermeintlichen Missverständnis gekommen ist, dreht und wendet sich der Gesprächspartner wie ein Mobile im Wind, um alle Schuld von sich zu schieben. In solchen frustrierenden Situationen hilft irgendwann eigentlich nur, innerlich bis 10 zu zählen und „Lass uns nicht mehr drüber reden – Schwamm drüber“ zu sagen. Eine Einigung wird sich in solchen Momenten nicht mehr finden lassen und das Leben ist einfach zu kurz und zu schön, um stundenlang solche sinnfreien Diskussionen á la „Nein, du hast aber..“ und „ich ja nur daraufhin so, weil du…“ etc. zu führen.

Ab dem Jahr 1979 sammelt Mrs. Ranelagh Beweise dafür, dass Annie Butts, die die Nachbarn wegen des damals noch sehr unerforschten Tourette-Syndroms, an dem sie litt, nur die „verrückte Annie“ nannten, ermordet wurde. Damals wurde der Fall schnell als Unfalltod zu den Akten gelegt. „Sie sei stark alkoholisiert vor einen Laster gelaufen“ war die offizielle Version. Doch Mrs. Ranelagh glaubt nicht an diese Theorie, zeigen doch ihre jahrelangen Recherchen, dass die Realität anders ausgesehen haben muss.

Der Zustand von Annis Haus nach ihrem Tod wich extrem von den dortigen Verhältnissen davor ab; die Fotos der Autopsie widersprechen dem Befund des Pathologen; zeitliche Ungereimtheiten bei den Zeugenaussagen: alle diese Umstände bestärken Mrs. Ranelaghs Überzeugung, dass Annie postmortal nur deshalb keine Gerechtigkeit widerfährt, weil sie schwarz war. Sie selbst wird bald beschuldigt, ein geistiges Trauma davon getragen zu haben und seitdem ebenfalls psychisch gestört zu sein. Auf Drängen ihres Mannes verlässt sie mit ihrer Familie das Land, um sich ein neues Leben aufzubauen. Ihre Bemühungen, ihrer Nachbarin Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, gibt sie jedoch auch in der Ferne nicht auf. 20 Jahre später kommt sie mit ihrer Familie zurück! Sie hat genug Beweise gesammelt, um ihre Nachbarn nun nochmals mit ihrer Theorie zu konfrontieren, um so vielleicht doch noch die Wahrheit zu erfahren. Doch was sind ihre wirklichen Motive? Gerechtigkeit für Annie? Rache für sich selbst? Ist das überhaupt entscheidend, da der Zweck in so einem Fall die Mittel rechtfertigt.

„Schlangenlinien“ ist absolut meisterhaft! Vieles an den damaligen Geschehnissen muss sich der Leser durch die Vorlage der Beweismittel erschließen. Die Korrespondenz mit den verschiedenen Beteiligten über viele Jahre, Zeugen oder Fachexperten, welche Mrs. Ranelagh bei ihren Recherchen zu Rate gezogen hat ziehen einen ebenso in den Bann, wie man von den einzelnen Charakteren – so unterschiedlich sie auch sind – überzeugt wird. Jeder maßgebliche Beteiligte wird so einzigartig beschrieben, dass man das Gefühl hat, sie stünden direkt vor einem und man wünschte sich, sie entweder zu trösten, zu schütteln oder gar höchstpersönlich vermöbeln zu können.

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