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Paulo Coelho – Veronika beschließt zu sterben

Was ist eigentlich „normal“? Der Duden definiert den Begriff als „der Norm entsprechend, vorschriftsmäßig, üblich, durchschnittlich, geistig gesund“. Doch bedeutet dies, dass man nur noch sagen darf, was üblich ist? Ist man doch schnell in der Schublade „verrückt“, wenn man sagt, was man denkt und tut, was man möchte. Wie schnell wird man verurteilt, fügt man sich nicht in die so genannten, strengen gesellschaftlichen Normen und Konventionen. Ist das jedoch ein Leben, wie man es sich wünscht? Können Krankheiten wie Depressionen oder Krebs unter Umständen nicht auch dadurch so wüten, weil die Menschen ihre Gefühle in sich hineinfressen und sie für sich behalten, statt sich so zu äußern, wie sie es empfinden? Kann man dazu wirklich sagen, es sei normal oder ist das nicht eher das Verrückte?

Veronika beschließt zu sterben und nimmt eine Überdosis Tabletten. Sie kann jedoch rechtzeitig gerettet werden, erfährt aber, dass sie durch die starken Wiederbelebungsmaßnahmen zwar noch nicht die Himmelstore durchschritten hat, aber auch nicht mehr lange auf Erden weilen wird. Ihr Herz sei durch die Behandlung dermaßen geschwächt worden, dass sie in den nächsten 5 Tagen sterben wird und diese Tage hat sie in der Anstalt zu verbringen, damit man sie gut unter Kontrolle hat.

Findet sie es zunächst furchtbar, auf den heiß ersehnten Tag jetzt so lange warten zu müssen, wendet sich ihre Meinung zum Leben durch den Aufenthalt in der Einrichtung doch gänzlich. Sie merkt im Laufe der Zeit und durch die Gespräche mit den anderen „Verrückten“, dass sich ihrem Leben ganz neue Qualitäten offenbaren, wenn sie – versteckt unter dem Deckmäntelchen der „Verrücktheit“ – sich das zu tun erlaubt, wonach ihr der Sinn steht und das zu sagen, was sie sagen möchte, das Leben ganz neue Qualitäten offenbart.

– „Was hattest Du zu verlieren?“

– „Meine Würde, dort zu sein, wo ich nicht willkommen war“

– „Was ist denn schon Würde? Das bedeutet doch nur, dass alle finden, dass du brav, wohlerzogen und voller Nächstenliebe bist“.

Nicht nur dieser Dialog zwischen Veronika und einer ihrer „Mitbewohnerinnen“ lässt einen über sich und das Leben nachdenken.

Muss man wirklich erst verrückt sein oder werden, um sich erlauben zu dürfen seine wahre Meinung kund zu tun? „Veronika beschließt zu sterben“ ist ein sehr schöner Roman, der einen viel über sich selbst, die Gesellschaft und ihre Vorgaben – um nicht zu sagen deren Ansprüche an den Einzelnen – nachdenken lässt. Ist es wirklich so wichtig was die Gesellschaft über einen denkt? Wichtig genug, um dafür die Gesundheit und die Freude am Leben zu verlieren? Lediglich auf die 3 ½ Seiten des 3. Kapitels, in denen erzählt wird, dass Coelho selbst, in einem Kaffee sitzend, Veronikas Geschichte erzählt bekommt und daraufhin beschließt, ein Buch darüber zu schreiben, hätte ich verzichten können. Diese Einfügung trägt nicht im Mindesten wirklich etwas zur Geschichte bei, wann und wo der Autor seine Inspiration für die Erzählung bekommen hat – als Prolog oder Epilog gerne, aber mittendrin hat es mich einfach nur gestört. Ansonsten jedoch bin ich dankbar für jede Zeile dieses wunderschönen Buches.

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